Im Nebel der grausamen Vergangenheit taucht eine grausame Erinnerung auf, die einem das Blut in den Adern gefrieren lässt. Es war ein kalter Morgen im September 1913, als Ernst August Wagner, ein angesehener Dorfschulleiter aus Degerloch, einem Stadtteil am südlichen Rand der Stuttgarter Innenstadt, zum Monster wurde. Die Tragödie, die sich an diesem Tag ereignete, ging nicht nur wegen ihrer blutigen Details, sondern auch wegen ihrer grausamen Folgen in die Annalen der deutschen Kriminalgeschichte ein.
Es ist früh am Morgen des 4. September, als Wagner das Unaussprechliche tut. Mit einer tödlichen Waffe bewaffnet, schlug er seine Frau Anna nieder und beendete ihr Leben grausam mit Messerstichen in Hals, Herz und Lunge. Doch damit nicht genug – dann richtete er seine blutige Wut gegen seine eigenen Kinder. Seine beiden Söhne Robert und Richard sowie seine Töchter Klara und Elsa fielen seiner Raserei zum Opfer.
Während der Schock über die Ereignisse noch nachhallt, packt er drei geladene Pistolen und 500 Schuss Munition in seinen Rucksack. Auf fast surreale Weise hinterlässt er seinem ahnungslosen Nachbarn eine Bestellung über drei Liter Milch, zusammen mit 35 Pfennig als Bezahlung. Er fährt mit dem Fahrrad in die Stadt, von wo aus er mit dem Zug nach Bietigheim fährt. Während der Fahrt schreibt er Briefe an seine Verwandten und die Redaktion der Zeitung „Neues Tageblatt” in Stuttgart, ohne das geringste Anzeichen von Reue oder menschlichem Mitgefühl.
In Bietigheim angekommen, setzt Wagner seine unheimliche Reise fort und radelt nach Mühlhausen an der Enz. Mit erschreckender Ruhe wartet er bis Mitternacht, um vier Häuser in Brand zu setzen. Die panischen Dorfbewohner stürmen aus ihren brennenden Häusern, da sie glauben, dass das Feuer ihre größte Bedrohung ist. Doch sie irren sich. Wagner liegt auf der Lauer und eröffnet das Feuer. Neun Menschen werden getötet und elf weitere schwer verletzt. Drei Männer bringen schließlich den Mut auf, Wagner zu überwältigen und seinem Amoklauf ein Ende zu setzen, doch auch sie zahlen einen hohen Preis. Wagner bricht sich dabei den linken Unterarm, der später amputiert werden muss.
Nach seiner Verhaftung und seinem Krankenhausaufenthalt wird Wagner in das Gefängnis von Heilbronn gebracht. Eine Durchsuchung seines Hauses offenbart das ganze Ausmaß seiner Gräueltaten. Die Leichen seiner Familie werden gefunden, ebenso wie sein detailliertes Tagebuch, in dem er seine Pläne akribisch niedergeschrieben hatte. Wäre er nicht gestoppt worden, hätte er weiter gemordet.
Seine nächsten Ziele waren die Bewohner von Egolsheim, darunter seine Schwester und ihre Familie, sowie das Schloss Ludwigsburg, das er in Brand setzen wollte, bevor er in Herzog Carl Eugens Bett Selbstmord begehen wollte.
Bei der Verhandlung in Heilbronn kam ein Gutachten von Robert Wollenberg aus Straßburg und Robert Gaupp aus Tübingen zu dem Schluss, dass Ernst August Wagner an Paranoia litt. Diese pathologische Paranoia war die Ursache für seine Amokläufe und führte dazu, dass das Verfahren wegen Unzurechnungsfähigkeit eingestellt wurde – ein Novum in der Geschichte der württembergischen Justiz.
Am 4. Februar 1914 wurde Wagner daher in die Heilanstalt Winnenthal bei Winnenden eingewiesen.
Doch auch innerhalb der geschlossenen Mauern der Anstalt fand Wagners gestörtes Genie keine Ruhe. Besessen von dem Bedürfnis, seine wahnhaften Visionen künstlerisch festzuhalten, schrieb er mehrere Theaterstücke. Seine Stücke, die sich immer um das Thema Wahn drehten, sollten jedoch nie auf der großen Bühne aufgeführt werden. In unzähligen Briefen versuchte er vergeblich, renommierte Persönlichkeiten und Theaterdirektoren von seinem Talent zu überzeugen.
Wagner fand 1938 ein grausames Ende, als er in der psychiatrischen Klinik Winnenthal an Tuberkulose starb. Sein Name blieb der Welt als grausame Erinnerung erhalten – nicht nur wegen seiner Taten, sondern auch wegen seines literarischen Vermächtnisses. Der deutsch-schweizerische Autor Hermann Hesse verewigte Wagner als Vorbild für den Mörder in seiner 1919 veröffentlichten Novelle „Klein und Wagner”.
Diese abscheuliche Episode der Geschichte bleibt eine düstere Erinnerung daran, wie tief der Abgrund der menschlichen Seele sein kann. Trotz der Jahrzehnte, die vergangen sind, hallen die Schreie seiner Opfer noch immer durch die Straßen von Degerloch und Mühlhausen – eine unvergessliche Warnung vor den Dämonen, die unter der Oberfläche lauern.
